Von der Natur der Menschen

By Beriwan

Sie zog sich eine Jacke an, wickelte den Schal um ihren Hals und verließ die Wohnung. Die Nacht war eisig und klar. Als sie den schmalen Pfad, den sie oft in schlaflosen Nächten aufsuchte, erreichte hatte, setzte sie sich im Dunkeln auf eine Bank und schaute in den Sternenhimmel. Dicke Tränen rollten ihr die Wangen herunter. Sie hatte das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Ihre unendliche Trauer, ihre Wut und ihr Zorn schienen ihr die Kehle zuzudrücken. Warum taten ihr ihre Liebsten manchmal so weh? Es war sicher nicht ihre Absicht, aber doch erschienen ihr deren Worte manchmal wie scharfe Klingen, die ihren Körper schnitten und sie zurückließen wie ein verwundetes Reh. Die, die uns lieben, nehmen einen Teil in uns gefangen, dachte sie. Warum?

Gestern hatte sie ihrem Partner eröffnet, dass sie beabsichtige, ein Unternehmen zu gründen. Sie hatte sorgfältig über diese Idee nachgedacht und immer mehr wuchs diese Vorstellung zu ihrem Traum heran. Anstatt sich zu freuen, reagierte ihr Partner zunächst nur mit einem Stirnrunzeln – der erste Stich in ihr Herz war vollzogen. Seine darauffolgende Frage gab ihr den Rest: „Wo hast du diese Idee denn schon wieder her?“ Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und war ins Bad gestürmt. Verbitterte Tränen schlugen auf den kalten Fliesen des Badezimmers auf. Wieso nur reagierte er auf diese Weise? Stets hielt er ihre Ideen für kurzweilige Launen, die schon bald wieder verfliegen würden.

Im Bad schrieb sie ihrer besten Freundin eine SMS, in der sie um ein sofortiges Treffen bat. Kurz darauf stürmte sie aus der Wohnung– ihren ratlos dreinblickenden Freund hinter sich lassend. Als sie sich mit ihrer Freundin traf, eröffnete sie ihr gleich unter Tränen das Thema. Als sie geendet hatte, schaute sie ihrer Freundin hoffnungsvoll in die Augen – um ein Zeichen der Solidarität bittend.

„Ich verstehe, dass dich das Verhalten deines Freundes sehr wütend gemacht hat“, eröffnete sie ihre Bemerkungen. „Aber ich kann seine Bedenken nachvollziehen. Wo willst du das Geld herbekommen? Wer soll dir bei der Umsetzung helfen? Und wie willst du das neben deinem aktuellen Job hinbekommen? Du bist doch eigentlich zufrieden mit deiner Arbeit, du gehst da gerne hin. Warum übst du dich nicht darin, mehr Zufriedenheit zu entwickeln und einfach die Dinge so zu belassen wie sie sind? Ich meine, du kannst dich ja wirklich nicht beschweren über dein Leben.“

Sie atmete tief die kalte Nachtluft ein und wieder aus, während ihr Blick über die dunklen Umrisse der Bäume und Häuser glitt. Hatten ihre beste Freundin und ihr Freund womöglich doch Recht? Sie beide lebten in ihren Alltag mit all ihren Routinen hinein und schienen damit glücklich zu sein. Und sie? Sie wollte mehr! Der Gedanke, mit ihren 26 Jahren aufzuhören zu wachsen und ihren Wissendurst und die Suche nach dem Sinn des Lebens abzulegen, erschien ihr wie das grauenhafteste Gefängnis. Was war falsch mit ihr? Warum litt sie dermaßen?

Warum ließ sie der Drang nach Selbstverwirklichung nicht ruhen? Immer wieder kamen ihr neue Ideen, die sie beflügelten. Und immer wieder wurden sie kleingemacht von ihren Liebsten.

Während sie zu dem klaren Sternenhimmel hinaufschaute, kam ihr eine Erkenntnis, die sie – wie ein Tsunami – fast überrollte: Die Sterne leuchteten in unterschiedlicher Intensität. Manche waren sehr weit weg und daher erschienen sie wie winzige Punkte am Himmel. Andere wiederum, die nah genug an der Erde waren, leuchteten prächtig vom Himmel auf sie herab. Ihr Blick glitt zu den Bäumen hinüber. Manche von ihnen waren klein, andere wiederum sehr hochgewachsen. Dabei waren sie alle doch nur Bäume. Und so ist es auch mit den Menschen, dachte sie erhitzt. Diese Erkenntnis beflügelte sie derart, dass sie begann, auf und ab zu gehen und laut zu sprechen. Sie schaute von den Bäumen zu den Sternen und murmelte immer wieder: „So ist es auch mit den Menschen.“

Menschen waren in ihrer Wesensart alle Menschen. Jedoch wiesen sie unterschiedliche Ausprägungen auf. Die einen suchten die Sicherheit, die Routine und das Bekannte. Die anderen wiederum wollten Veränderung, Wachstum und Selbstverwirklichung. „Und natürlich werden tausende von Nuancen zwischen diesen beiden Extremen existieren“, dachte sie sich.

„Mein Freund und meine beste Freundin weisen eher die Merkmale der ersten Ausprägung auf. Sie sind zufrieden mit dem, was sie haben und das ist vollkommen in Ordnung. Ich aber tendiere mehr zu den Merkmalen der anderen Ausprägung. Ich möchte wachsen und lernen. Das ist ein Teil meiner Natur.“ Ihr Blick wanderte wieder zu den unterschiedlich hohen Bäumen. Manche von ihnen waren von Natur aus kleiner und manch andere wiederum größer, breiter oder schmaler. „Wie wahnsinnig ist die Vorstellung, wenn der Baum, in dessen Natur das Hochwachsen liegt, sich stets die Meinung der umliegenden Bäume einholen und versuchen würde, nur so hoch zu wachsen, wie der Durchschnitt der umliegenden Bäume? Oder wenn die Sterne, die näher zur Erde liegen, versuchen würden, weniger zu leuchten, weil sie sich an den weiter entfernten Sternen orientieren? Jedes Wesen hat seine eigene Natur. Daher sollte niemand seine eigenen Ausprägungen als Maßstab nehmen oder diese den Mitmenschen aufdrängen.“

Sie kam an einem kleinen See vorbei und ging an das Ufer. Der See war von dem vollen Mond beschienen und so konnte sie ihr Spiegelbild auf der ebenen Oberfläche erkennen. Sie schaute auf sich herab, mit ihren weit aufgerissenen Augen und dem überraschten Ausdruck um ihre Lippen herum. Sie hörte sich sagen: „Das ist reiner Wahnsinn! Warum ist es mir so wichtig, dass meine Mitmenschen meine Ideen gut finden? Ihre Zustimmung ist eigentlich nicht das Ticket, welches ich brauche, um meine Träume zu verwirklichen. Sie wollen etwas anderes als ich. Ihre Natur ist vielleicht eine andere. Sie haben andere Bedürfnisse als ich und ihnen sind andere Dinge wichtiger als mir. Die Sterne, die am hellsten leuchten oder die Bäume, die am höchsten wachsen, tun dies, weil es in ihrer Natur liegt. Sie sind nicht besser als die Umherliegenden, sondern nur anders. Auch ich möchte versuchen, mein natürliches Potenzial auszunutzen. Nicht, weil ich besser bin als andere. Sondern weil ich anders bin.“

Sie schaute hoch zum Mond, als wäre er ein alter Freund, dem sie diese Erkenntnis mitteilen musste: 

„Ich bin dankbar, dass ich so bin, wie ich bin!“

 

 

 

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Bildquellen

Foto von valiunic, auf pixabay.com

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