Vom Vogel, der nicht fliegen wollte

By Beriwan

Eine Vogelmutter brütete fünf Eier in ihrem Nest in der Baumkrone eines Kirschbaumes. Die Babies schlüpften nacheinander aus den Eiern und wurden fleißig von ihrer Mutter gefüttert. Schon bald unternahmen sie erste Gehversuche und lernten schnell, selbstständig zu werden.

Der Vogel, welcher als letztes geschlüpft war, fiel bei seinen ersten Schritten aus dem Nest. Er prallte hart auf dem Boden auf. Ihm war nichts gebrochen, doch der Schreck saß fortan tief in seinen Gliedern. Er wurde dank einer Menschenhand wieder ins Nest gelegt, wo er fortan ängstlich liegenblieb, während seine Geschwister immer lebendiger wurden.

Bereits nach kurzer Zeit flogen vier der fünf Vögel aus dem Nest. Nur den Fünften packte ein blankes Entsetzen bei dem Gedanken, das sichere Nest verlassen zu müssen. Zu erschreckend war die Erinnerung an den Sturz.

Die Tage vergingen und der Jungvogel wurde zunehmend bedrückter. Er fühlte sich nicht frei. Seine Geschwister waren hinausgeflogen in den weiten Himmel und erlebten sicherlich ein Abenteuer nach dem anderen. Er wollte auch die Freiheit spüren, nach der sein kleines Herz sehnsüchtig rief. Er wusste nicht woher die tiefe Sehnsucht kam – er wusste nur, dass sein Wunsch, dieser Sehnsucht nachzugehen, immer stärker wurde.

Jedoch jedes Mal, wenn er sich an den äußersten Rand seines Nestes stellte und die Flügel ausbreitete, spielten sich wieder die Bilder seines Sturzes vor seinem inneren Auge ab und eine lähmende Angst überkam ihn. Die Angst war so stark, dass er zurückschreckte und sich immer wieder einredete, dass er das Fliegen nicht brauche. „Hier im Nest bin ich geborgen und sicher“, sagte er sich immer wieder.

So verstrichen die Tage und der Vogel entwickelte zwei Seiten, die sich einen unerbittlichen Kampf lieferten: Die Angst kämpfte gegen die Sehnsucht. Manchmal, da siegte die Angst und der junge Vogel schwor sich, nie wieder einen Gedanken daran zu verschwenden, aus dem Nest zu fliegen. An anderen Tagen wurde die tiefe Sehnsucht nach der Freiheit und dem Fliegen in ihm derart stark, dass er fest entschlossen war, seinen Ängsten die Stirn zu bieten.

Eines Morgens, da wachte der Vogel auf und fühlte sich bedrückt. Seine Mutter, die ihn immer noch mit Futter versorgte, kam von einem morgendlichen Flug zurück, sah ihr Junges besorgt an und sagte:

„Ein Erlebnis aus deiner Kindheit, welches sich in wenigen Minuten vollzog, prägt sich bereits auf deine sämtliche Lebenszeit danach aus. Dir stehen zwei Wege offen. Entweder du lässt es zu, dass dieses Ereignis weiterhin zu deinen größten Ängsten heranwächst und dich weiterhin lähmt. Oder du versuchst trotz deiner enormen Ängste diesen einen Schritt über den Nestrand zu wagen. Wenn du nochmal fallen solltest, kann das nicht viel schlimmer sein, als die Monster, mit denen du tagtäglich zu kämpfen hast. Und wenn du nicht fällst, dann kannst du endlich dir deinen Lebenstraum erfüllen und deiner wahren Berufung folgen: Dem Fliegen.“ Die Worte der Mutter machten dem Vogel Mut. Er erkannte, dass es nun an ihm lag, sich zu entscheiden. Er allein konnte wählen, ob er in Angst oder in Freiheit leben wollte. Er wollte die Freiheit, ja wirklich.

Er streckte die Brust heraus und stolzierte wieder an den Rand seines Nestes. Und während er die Flügel ausbreitete, kam ihm ein anderer, bisher noch nie dagewesener Gedanke. Dieser Gedanke holte nicht nur die bereits vorhandenen Monster zurück, sondern produzierte darüber hinaus Neue. Seit seine Geschwister aus dem Nest geflogen waren, träumte er von nichts anderem als vom Fliegen. An diesen Traum hatte er sich bisher festgehalten, er war sein Fels in der Brandung. Dieser Traum war zu einem Teil seiner Identität geworden. Er war das Licht im Dunkeln, an welchem er sich in schwierigen Zeit wärmte. Was würde passieren, wenn dieser Traum plötzlich real wäre? An was würde er sich in schwierigen Zeiten klammern? Und wenn sich sein Traum als Enttäuschung entpuppte? Würde er überleben können, wenn dieser so wichtige Teil seiner Identität nicht mehr bestünde? Dieser letzte Gedanke fühlte sich für den Vogel an wie ein kräftiger Fausthieb. Es würde Leere, gähnende, schwarze und beängstigende Leere an genau der Stelle entstehen, wo der Traum seit Anbeginn platziert war.

Der Vogel schüttelte sich bei diesen Gedanken. Seine weit ausgespannten Flügel sanken. Lieber ein Leben lang vom Fliegen träumen als in die totale Ungewissheit hinausfliegen, dachte der Vogel schweren Herzens. So ging er wieder zurück zu seinem Platz und redete sich immer wieder ein, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

So verbrachte der Vogel seine Tage in seinem sicheren Nest und träumte fortan von seiner Berufung als würde er einem kühnen Traum nachgehen. Der innere Kampf war beendet – die Angst hatte gesiegt.

 

Hat dir diese Geschichte gefallen? Und was genau nimmst du aus der Geschichte für dich mit? 

Wenn dir die Kurzgeschichte gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn du es mich wissen lässt, damit ich fleißig weiterschreibe 🙂 

 

Bildquellen

Foto von Atlantios, auf pixabay.com

Foto von tommileew, auf pixabay.com

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen