Prokrastination: Warum wir manche Aufgaben immer wieder aufschieben

Das Geschirr steht seit Tagen herum, der Stapel Rechnungen hat sich unter der dicken Staubschicht versteckt, Studien- oder Schularbeiten schreien danach, endlich abgearbeitet zu werden. Erledigungen über Erledigungen. Zu blöd, dass wir uns manchmal einfach nicht motivieren können, einige Aufgaben anzugehen. Dabei kann es sich zu einem regelrechten Teufelskreislauf entwickeln: Bestimmte Aufgaben aufzuschieben, produziert Stress, Unruhigkeit und Niedergeschlagenheit. Diese Faktoren wiederum können so stark sein, dass sie uns in unserem Alltag stark beeinflussen und andere Bereiche unseres Lebens darunter leiden. Um Dinge nicht mehr aufzuschieben, ist es zunächst wichtig die tieferliegenden Gründe für unsere Prokrastination zu erkennen.

 

Warum  wir manche Dinge so lange aufschieben

Wie kommt es, dass wir manche Aufgaben schnell und ohne Mühen erledigen, während andere Erledigungen uns sichtlich schwer fallen und uns einen Schwall an negativen Emotionen bescheren? Dass wir bestimmte Aufgaben immer wieder auf die lange Bank schieben und uns davor drücken, sie anzugehen, kann viele Gründe haben.

 

Keine Lust oder unwichtige Aufgaben

Einerseits kann der Grund recht oberflächlicher Natur sein. So soll es durchaus vorkommen, dass wir einfach keine Lust haben, bestimmte Aufgaben zu erledigen. Sie erscheinen uns lästig oder es ist mühsam, sie anzugehen. Die Wäsche waschen sich nicht von allein und auch das dreckige Geschirr bleibt da, wo es steht. Trotz dieses unschönen Anblicks können wir uns nicht aufraffen, um die Bude wieder auf Vordermann zu bringen.

Der Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert behauptet, dass wir das Aufschieben bereits in der Kindheit gelernt haben und es uns sogar Spaß gemacht hat, dies zu tun (Rückert 2011: 26). Dazu schreibt er: „Wie oft haben wir den Beginn der Hausaufgaben hinausgezögert und erst noch einen Comic durchgeblättert. Ohne es zu ahnen, haben wir uns mit diesen angenehmen Aktivitäten für das Aufschieben belohnt, und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, das nächste Mal wieder ein wenig zu trödeln“ (ebd.). Diese Art des Aufschiebens ist harmlos und manchmal sogar von Vorteil, behauptet Rückert (ebd.). Mit dem lateinischen Wort procrastinare ist eine „positiv bewertete Verhaltensweise gemeint, nämlich das reflektierte Aufschieben von schwerwiegenden Entscheidungen bis zu einem günstigen Zeitpunkt, der einer Handlung mehr Erfolg sichert“ (Höcker/ Engberding/ Rist 2013: 9). So kann es durchaus sinnvoll sein, den Kauf eines Autos oder eines sündhaft teuren Kleides aufzuschieben.

Andere Gründe können in unserer Vergangenheit und unseren (negativen) Erfahrungen vergraben liegen.

 

Ängste

…vor dem Versagen

Angenommen du möchtest mehr Sport treiben. Nun hast du dir in der Vergangenheit sehr oft dieses Ziel gesetzt – und bist gescheitert. Jedes Mal hast du dich schlecht gefühlt, wenn du diesen Vorsatz nicht umsetzen konntest oder zu schnell aufgegeben hast. All diese sogenannten Misserfolge und die darauffolgenden demotivierenden Sätze, die du womöglich selbst zu dir gesagt hast oder die du von anderen gehört hast, wirken sich auf deine jetzige Situation aus. Um dich vor zukünftigen unangenehmen Situationen zu schützen, schiebst du lieber dein Vorhaben auf. Denn du hast Angst vor dem (erneuten) Scheitern. Und auch die Angst vor den Kommentaren und Bewertungen anderer Menschen können dich daran hindern, bestimmte Aufgaben anzugehen. Rückert schreibt dazu: „Die Beachtung durch andere Menschen löst in Ihnen Ängste aus. Diese Ängste haben […] zu tun mit der Furcht, negativ aufzufallen, kritisiert oder beschämt zu werden“ (Rückert 2011: 84).

…vor dem Erfolg

Eine andere, völlig entgegengesetzte Angst kann dich ebenfalls davon abhalten, deine Ziele zu erreichen: Die Angst vor dem Erfolg. Das mag dir zunächst grotesk erscheinen. Wie kann man denn Angst vor dem Erfolg haben? Jeder Mensch möchte doch Erfolg im Leben spüren, oder? Stell dir Folgendes vor: Seit Jahren versuchst du dich zu motivieren, mehr Sport zu machen. In diesem Zeitraum hast du dir viele Ziele, die du gerne erreichen möchtest, vorgestellt. Ein schlanker Körper, eine stabile Gesundheit, eine gesunde Ernährungsweise. Du hast vielleicht sogar Stunden damit verbracht, dir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn du endlich diese Ziele erreichen würdest. Und je nachdem, wie stark dein Streben und deine Sehnsüchte sind, kann es auch sein, dass du beginnst, dich mit ihnen zu identifizieren. Sie werden zu einem Teil von dir.

Angenommen, du schaffst es mehr Sport zu betreiben und erreichst dadurch bald deine Ziele. Was entsteht dort, wo du zuvor deine Ziele plaziert hattest? Es entsteht Leere. Wie wirst du die Leere füllen, die vorher durch deine Träume und Ziele besetzt war? Und wonach wirst du dich denn sehnen, wenn du endlich deine lang ersehnten Wünsche und Ziele erreicht hast?  

Diese Gedanken können unbewusst ablaufen und unser Handeln stark beeinflussen. Sie können uns blockieren und uns davon abhalten, bestimmte Aufgaben auszuführen.

“Wie wirst du die Leere füllen, die vorher durch deine Träume und Ziele besetzt war?”

Orientierungslosigkeit

Noch nie war die Welt so vernetzt wie aktuell. Es ist sehr leicht, sich tausende von Informationen über alle möglichen Themen zu beschaffen und anhand von YouTube und persönlichen Blogs Eindrücke aus dem privaten Leben vieler Menschen zu bekommen. Unsere Emotionen werden angesprochen und oftmals sehnen wir uns nach dem Leben, was uns viele andere Menschen gerade durch Social Media vorleben. 

Wir versuchen, Ratschläge von erfolgreichen Menschen zu befolgen, in der Hoffnung, am Ende den gleichen Erfolg zu erzielen wie sie. Trotz der vielen Vorteile beinhalten das unbegrenzte Surfen und die enorme Datenflut auch eine Gefahr: Wir sehnen uns nach dem Leben, welches viele Menschen zu leben scheinen. Wir versuchen ihre Tipps und Ratschläge anzunehmen, aber vergessen dabei einen ganz entscheidenden Punkt: Auf dem Weg des Strebens vergessen wir oft, uns zu fragen, was wir eigentlich wollen und welche unsere Bedürfnisse sind. Was brauchen wir, um ein erfülltes und selbstbestimmts Leben zu leben?

Ein Grund für die Prokrastination kann der mangelnde Fokus sein. Wollen wir ein wenig so sein wie der erfolgreiche YouTuber YX und wünschen wir uns auch einige Aspekte aus dem Leben der Bloggerin XY für unser eigenes Leben? Oder wollen wir einfach unseren eigenen Weg gehen und herausfinden, was uns selbst wirklich glücklich macht? Zweifelsohne können Menschen, Bücher und Coachings uns dabei unterstützen, herauszufinden, was wir wirklich wollen. Aber sie können uns die Arbeit nicht abnehmen. Orientierungslosigkeit führt meist dazu, dass wir keinen klaren Fokus setzen. Und solange wir zumindest nicht ungefähr wissen, wohin wir möchten und was unserem Leben mehr Qualität geben könnte, besteht die Gefahr, dass wir uns in vielen Kleinigkeiten verzetteln, uns stressen und folglich irgendwann prokrastinieren.  

Diese sind nur einige von sehr vielen Gründen, warum wir bestimmte Aufgaben aufschieben und uns vor ihnen drücken. Die Liste möglicher Gründe ist sicherlich sehr lang und von Person zu Person unterschiedlich.

 

Muss etwas geändert werden?

Ich glaube, dass jeder Mensch hin und wieder mal prokrastiniert und bestimmte Aufgaben für eine gewisse Zeit vor sich herschiebt. Und ich denke auch, dass das total normal und sehr menschlich ist. Problematisch wird es erst dann, wenn das Aufschieben das eigene Leben erschwert und man anfängt, darunter zu leiden. Es gibt sehr viele Gründe (und nicht wenige sind in unseren Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend begründet), weshalb wir prokrastinieren. Meiner Meinung nach ist es wichtig, die Gründe für das Aufschieben zu erkennen. Indem wir die Gründe erkennen, können wir unser derzeitiges Verhalten viel besser verstehen und etwas daran ändern.

Hast du schon darüber nachgedacht, was die Gründe für deine (gelegentliche) Prokrastination sind? Ich freue mich sehr, wenn du einen Kommentar hinterlässt und wir in Interaktion treten. 

Literaturangaben und Bildquellen

Höcker, Anna/ Engberding, Margarita/ Rist, Fred (2013). Prokrastination. Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Göttingen: Hogrefe.

Rückert, Hans-Werner (2011). Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen. Frankfurt: Campus-Verlag.

Foto von Glenn Carstens Peters, auf unsplash.com

Foto von ALP STUDIO, auf unsplash.com

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