Ein möglicher Weg zum Ausschalt-Knopf deines Kopfradios

By Beriwan

Hörst du Radio? Ja, mit Sicherheit! Wenn du gerade nicht das externe Radio hörst, dann wahrscheinlich das Eine in deinem Kopf. Jenes, welches fast unaufhörlich ohne Punkt und Komma plappert, bewertet und beurteilt. Manche Menschen haben es mit viel Übung geschafft, das Radio weitestgehend auszuschalten. Bei anderen läuft es leise im Hintergrund, oder aber es ist auf die höchste Lautstärke gestellt. Zwischen den Ohren Einiger ist es so laut, dass sie davon oftmals Kopfschmerzen bekommen. Bist du auf der Suche nach dem Aus-Knopf deines Kopfradios? Dann hilft dir vielleicht dieser Beitrag weiter.

Wie du kurzfristig aus dem Gedankenkarussell austreten kannst (beispielsweise wenn zeitlich begrenzte Ereignisse bevorstehen, wie Prüfungen, Vorträge etc), habe ich bereits hier beschrieben. Heute geht es um ein durchaus komplexeres Thema. Es geht nämlich um das Mammutsziel, langfristig aus dem Gedankenkarussell auszutreten. Ich hege auf keinen Fall die Absicht, mit nur diesem Beitrag die ganze Problematik in seiner Gesamtheit darzustellen. Vielmehr möchte ich dir, wie sonst auch immer, nur einige Denk- und Gefühlsanstöße geben, meine Erfahrungen mit dir teilen und dir vielleicht sogar manche Ansätze für die Umsetzung mit auf den Weg geben. 

 

Die Flucht vor dem Unangenehmen

Wenn wir Kopfschmerzen haben, bedienen wir uns oftmals ohne weitere Überlegungen an den Tabletten. Und wenn uns etwas emotional belastet, greifen wir mehrheitlich zu Ablenkungen: Fernsehen, Essen, Alkohol oder – die wahrscheinlich gesündeste Variante – Sport. Auch ich versuche sehr oft, negativen Emotionen aus dem Weg zu gehen. Das ist auch irgendwie sehr menschlich. Denn als Mensch haben wir alle das natürliche Bestreben, glücklich zu sein. Und dazu gehört die Vermeidung von negativen Emotionen.

Wenn wir vor unseren Emotionen fliehen oder sie nicht „vernünftig“ anschauen, passiert Folgendes: Unser Kopfradio wird bei jeder Verdrängung und jedem Nicht-Beachten der Emotionen lauter und lauter. Das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen. Willkommen auf dem Jahrmarkt der Negativität!

Ich habe das Ausmaß der Verdrängung damals in der Schule verstanden, als mein Philosophielehrer eine Metapher zur Verdeutlichung heranzog. Diese möchte ich dir darstellen, um zu zeigen, worauf ich abzielen möchte.

 

Der störende Schüler

Stell dir vor, du bist ein Lehrer/ eine Lehrerin. Du unterrichtest wie sonst auch immer. Nur heute sitzt in der Reihe deiner Schüler ein Junge, der den Unterricht stört. Ständig lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler auf sich und hält sie vom Lernen ab. Du ermahnst ihn immer wieder, und für einige Augenblicke wird er ruhiger. Aber dann fängt er erneut an und stört vehementer als zuvor. Du siehst keinen Ausweg und schickst den Störenfried vor die Tür. „Endlich Ruhe“, denkst du. Falsch gedacht, denn schon sehr bald beginnt der Junge, an die Tür zu klopfen, laute Geräusche zu machen oder Botschaften auf Papier zu schreiben und sie unter die Tür durchzuschieben. Du wirst langsam richtig wütend und verbannst den Schüler aus dem ganzen Gebäude. Aber auch das hilft nicht. Denn der Junge rennt schnell zu den Fenstern des Klassenzimmers und beschmeißt sie mit Steinen. Am Anfang sind es noch kleine Steine, aber mit der Zeit bekommst du große Angst, dass er mit den immer größer werdenden Steinen die Fenster zerbrechen könnte. Mittlerweile bist du völlig am Ende mit den Nerven. Du nimmst die restliche Klasse gar nicht mehr wahr, denn deine gesamte Energie benötigst du, um diesen einen Jungen zur Ruhe zu bringen.

Stell dir nun vor, dass dieser kleine Junge stellvertretend für deine unangenehmen Gefühle steht, die du zu verdrängen versuchst. Auch der Lehrer hat den Schüler „verdrängt“, indem er ihn vor die Tür gestellt hat. Und das Resultat: Der Lehrer ist komplett abgelenkt und energielos. Er verliert das Wesentliche aus den Augen (nämlich den Unterricht und seine anderen Schüler) und ist nur noch einzig und allein auf das krampfhafte Nicht-Beachten des randalierenden Jungen fokussiert.

Wenn du also Etwas verdrängst, dann sei dir sicher: Verdrängtes sucht immer nach Wegen, um wieder in dein Bewusstsein zu gelangen. Und je vehementer du zu verdrängen versuchst, umso mehr Kraft und Energie kostet es dich. Warum also der Kampf? 

“Verdrängtes sucht immer nach Wegen, um wieder in dein Bewusstsein zu gelangen.”

Der Schlüssel liegt in der Akzeptanz

Ich behaupte einfach mal: Wenn du beginnst, dein Leben, so wie es genau jetzt in diesem Moment ist, zu akzeptieren, dann wird dein Kopfradio augenblicklich merklich leiser.

Nun, wenn es so einfach wäre, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen und diesen Beitrag schreiben. Denn wir alle haben im Laufe unseres Lebens Erfahrungen gemacht, die sehr schmerzhaft waren und an die wir einfach nicht erinnert werden wollen. Und dann geschehen immer wieder neue Ereignisse, die in uns die alten und tiefsitzenden Wunden an die Oberfläche transportieren oder sogar neue Wunden produzieren. Wie soll man da Akzeptanz und Annahme praktizieren?

Die aktuelle Situation zu akzeptieren bedeutet nicht, sie gut zu finden und zu bejahen. Akzeptanz setzt ein Nicht-Werten voraus. Ich habe das sehr lange nicht verstanden und stand daher viele Jahre mit der Idee des Akzeptierens auf Kriegsfuß. Mein Gedankengang war immer: Wenn ich akzeptiere, dass meine aktuelle Lebenslage ganz und gar nicht meinen Vorstellungen entspricht, dann wird sich nie wieder etwas ändern und ich werde für den Rest meines Lebens in dieser Misere steckenbleiben.

Also habe ich versucht, diesen Zustand von mir wegzuschieben. Einfach weg damit! Bis ich verstanden habe, dass Akzeptieren nur bedeutet, die Situation, wie sie jetzt ist, anzunehmen. Ohne Wertungen. Einfach nur annehmen. In der Gegenwart. Denn der Kampf, das Verdrängen und Kontrollieren entspringen unseren Ängsten vor der Zukunft, meistens basierend auf unseren negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit. Akzeptieren bezieht sich aber auf den Moment.

Was passiert, wenn du deine jetzige Situation annimmst? Indem du beispielsweise akzeptierst, dass du dich gerade in einem elenden Gedankenkarussell befindest und alles blöd läuft, hörst du auf zu kämpfen. Der Lehrer holt den Schüler wieder rein. Er möchte nicht weiterhin seine ganze Energie darauf verschwenden, den störenden Schüler zu „verdrängen“. Er nimmt es an, dass der Schüler gerade einfach nervig ist.

Im nächsten Schritt wirst du versuchen, die Kraft, die du zur Verdrängung gebraucht hast, wieder reinzuholen. Und wenn die Kraft wieder da ist und deine Akkus geladen sind, kannst du dich den Themen widmen, die in deinem Kopf herumspuken. Das ist natürlich die Königsdisziplin.

 

Übung macht den Meister

Akzeptanz ist nicht einfach mal so herbeigeholt. Um wirklich akzeptieren zu lernen (und damit meine ich wirklich-wirklich akzeptieren zu lernen), braucht es Ausdauer, Mut und viel Kraft. Es braucht wahrscheinlich ein lebenslanges Üben, um das Radio zum Schweigen zu bringen. Deswegen: Fang doch direkt heute an 😊

Ich möchte es dir nicht schönreden. Wenn du aufhörst zu verdrängen und beginnst, die Gedanken in deinem Kopf genauer zu betrachten, wird es am Anfang höchstwahrscheinlich sehr schmerzhaft. An diesem Punkt musst du dich fragen: Wie sehr möchte ich wirklich den Aus-Knopf des Radios finden?

Ich kann dich auch beruhigen: Nur der Anfang ist extrem schmerzhaft. In der Mitte gibt es einige Rückfälle, aber da siehst du bereits am Horizont die Präsente, die dich bereits als Belohnung für deine bisherigen Mühen erwarten. Und irgendwann zwischen Mitte und Ende (nicht dein Lebensende, sondern das Ende des Radiogeplappers) wirst du richtig belohnt werden. Dein Leben wird eine ganz andere Qualität bekommen und endlich, endlich, endlich wirst du dein Potenzial entfalten und in deine wahre Kraft kommen können.

Viele Achtsamkeitsübungen werden dir dabei helfen, aus dem Gedankenkarussell auszutreten und deinen Jahrmarkt der Negativität zu verlassen. Meditation ist dafür hervorragend geeignet. Aber auch der Aufenthalt in der Natur oder die Auslebung kreativer Tätigkeiten (Malen, tanzen, …) sind wirklich gute Möglichkeiten, um langfristig in deiner Mitte zu bleiben.

Ich hoffe, dieser Beitrag spricht dich an und du kannst etwas daraus für dich mitnehmen. Weitere Beiträge, die dieses Thema vertiefen, werden folgen. 

 
Literaturangabe und Bildquellen

Anderssen-Reuster, Ulrike (2011). Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik. Haltung und Methode. Stuttgart: Schattauer.

Lauterbach, Ute (2013). Raus aus dem Gedankenkarussell. Wie Sie leidige Gedanken und Grübelattacken genüsslich ins Leere laufen lassen. München: Kösel-Verlag.

Schneider, Maren (2012). Crashkurs Meditation: Anleitung für Ungeduldige – garantiert ohne Schnickschnack. k.A.: GU-Verlag. 

Foto von Milivoj Kuhar, auf unsplash.com

Foto von Ray Hennessy, auf unsplash.com

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