Die besonderen Unterrichtsstunden des weisen Lehrers

By Beriwan

 

„Stellt euch vor,“, sprach der Lehrer zu seinen Schülern, „dass jeder von uns Menschen eine Art Flasche besitzt.“ Er hielt eine leere Plastikflasche in der Hand und demonstrierte sie den Schülern. „Anhand derer kann das Level der Zufriedenheit und Glückseligkeit eines Menschen gemessen werden.“ Die Schüler schauten sich mit verwirrten Blicken an. Was meint unser Lehrer schon wieder, dachten sie.

„Wenn die Flasche ganz leer ist, fühlt der jeweilige Mensch kaum Freude, Zufriedenheit, Glück oder gar Selbstliebe mehr.“ Er ging zu dem Waschbecken, welcher in einer Ecke des Klassenzimmers angebracht war und füllte die Flasche bis zur Hälfte auf. Er hielt sie wieder hoch und sagte: „Wenn die Flasche halb voll ist, bedeutet dies, dass ein Mensch ähnlich oft positive wie negative Emotionen durchlebt.“

„Und wenn die Flasche komplett voll ist, ist die Person vollkommen zufrieden mit sich selbst und allem um sich herum“, schlussfolgerte ein Schüler.

„Das wäre zu einfach“, gab der Lehrer lächelnd zu bedenken. „Sagen wir eher, ein Mensch mit einer vollen Flasche ist im Großen und Ganzen zufrieden mit sich und seinem Umfeld und hegt eine gesunde Beziehung zu sich selbst.“

Die Schüler nickten verständnisvoll, wussten aber immer noch nicht genau, worauf ihr Lehrer hinauswollte.

„Nun, lasst uns hinausgehen und beobachten, wie es sich in der Praxis verhält. Ich werde euch für die Dauer der Unterrichtsstunde die Gabe geben, die Flaschen eurer Mitmenschen sehen zu können.“

Der Lehrer stapfte einmal kräftig mit dem rechten Fuß auf den Boden und klatschte danach zwei Mal in seine Hände. Die Schüler schauten sich überrascht um. Sie sahen rechts neben den Köpfen ihrer Mitschüler Flaschen, welche mit einer grünlichen Flüssigkeit gefüllt waren. Die Flüssigkeiten befanden sich auf unterschiedlichen Leveln.

„So, erhebt euch bitte, damit wir in die frische Luft gehen können. Wenn wir rausgehen, möchte ich, dass ihr beobachtet, was mit dem Zustand der Flüssigkeit in den Flaschen geschieht, wenn Menschen miteinander in Interaktion treten“, sagte der Lehrer und schritt zur Tür, um in den warmen Frühlingstag hinauszutreten. Die Schüler folgten ihm – immer noch erstaunt die Flaschen ihrer Mitschüler anstarrend.

Sie kamen auf den Marktplatz der Stadt. Der Platz wimmelte nur von Menschen, die an den unterschiedlichen Ständen einkauften. Der Lehrer machte die Schülergruppe auf drei Frauen aufmerksam, die hitzig zu diskutieren schienen. Die Flaschen der Frauen waren ungefähr halbvoll. Während ihrer Diskussion jedoch sank das Level der Flüssigkeit.

Nach fünf Minuten machte der Lehrer auf ein sehr verliebt wirkendes Pärchen aufmerksam. Die beiden schlenderten gemütlich über den Markt und unterhielten sich ganz angeregt und lachten immer wieder. Ihre Flaschen waren beide bis oben hin gefüllt. Das Pärchen lief an der Gruppe der sich zankenden Frauen vorbei. Der Mann blieb kurzerhand stehen und sprach die Gruppe an. Es machte den Anschein, als würde er den drei Frauen den Witz erzählen, über den er und seine Freundin Minuten vorher laut gelacht hatten. Zunächst schienen die drei Frauen verwirrt, dass der Mann sie angesprochen hatte. Sehr bald jedoch stiegen sie in das Lachen mit ein.

„Was könnt ihr bei dieser Interaktion erkennen?“, fragte der Lehrer seine Schüler.

Eine Schülerin meldete sich zu Wort: „Seitdem das Pärchen sich mit den Frauen unterhält, ist deren Flüssigkeit in den Flaschen auf dem gleichen Level geblieben. Währenddessen steigt es in den Flaschen der drei Frauen kontinuierlich an.“

„Sehr gut! Bleiben wir bei dieser Gruppe und beobachten sie noch einige Minuten“, schlug der Lehrer vor.

Nach einigen Minuten des lockeren Austausches erzählte eine der drei Frauen dem Pärchen unter starker Gestik und Mimik etwas – wie es schien – Emotionales. Das Lachen war aus den Gesichtern der drei Frauen verschwunden und sie tätigten den Versuch, das Pärchen nun in ihre Diskussion einzuweihen. Sie wurden zunehmend emotionaler und redeten energisch auf das Pärchen ein.

„Oh, die Flüssigkeiten in den Flaschen des verliebten Pärchens sinken!“, beobachtete ein Schüler. Kurz darauf verabschiedete sich das Pärchen von den drei Frauen und bereits wenige Augenblicke später lachten die beiden wieder herzlich und ihre Flaschen füllten sich erneut ganz auf.

Der Lehrer sah auf seine Uhr und teilte der Klasse mit, dass die Unterrichtsstunde bald vorbei sei und sie zurück in das Klassenzimmer müssten. Sie gingen ihren Weg zurück zu der Schule. Niemand sprach, denn alle waren in Gedanken versunken und versuchten zu verstehen, was für eine tiefere Bedeutung hinter dem Gesehenen stecken konnte.

In ihrem Klassenraum angekommen, nahmen die Schüler wieder Platz und der Lehrer bat sie, ihre Interpretation kundzutun. Ein Schüler meldete sich und sagte: „Das Pärchen schien sehr glücklich miteinander zu sein. Wahrscheinlich schafften sie es dank ihrer fröhlichen Interaktion, volle Flaschen zu haben. Als sie sich mit den übelgelaunten Frauen unterhielten, sank das Level ihrer Flüssigkeiten. Ich schließe daraus, dass es sehr wichtig ist, mit welchen Menschen wir interagieren. Wenn wir uns von schlechtgelaunten Menschen umgeben, sinkt unser Pegel und wir lassen uns ebenfalls von negativen Emotionen anstecken. Wenn wir jedoch mit Menschen in Kontakt treten, die ein ähnliches Level an positiven Emotionen vorweisen, dann beglücken wir uns gegenseitig. So wie das Pärchen.“

“Wenn wir jedoch mit Menschen in Kontakt treten, die ein ähnliches Level an positiven Emotionen vorweisen, dann beglücken wir uns gegenseitig.”

„Sehr gut. Wunderbar beobachtet und eine wirklich weise Schlussfolgerung daraus gezogen“, freute sich der Lehrer. Die Klingel zur Pause ertönte, sodass der Lehrer sich beeilte, seine letzten Worte zu sprechen: „Darüber hinaus möchte ich euch auf etwas hinweisen, das mir sehr am Herzen liegt. Ihr habt alle beobachtet, dass das Level der Flüssigkeit des verliebten Pärchens während der Interaktion mit den drei Frauen nicht sofort sank, sondern erst nach einigen Minuten?“

Zustimmendes Nicken ging durch die Reihen.

„Es sank nämlich genau dann“, fuhr der Lehrer fort, „als die Frauen das Pärchen in ihre emotionale Diskussion einzubinden versuchten. Wenn Menschen miteinander in Interaktion treten und deren Level niedrig oder mittelmäßig ist, berauben sie sich in den meisten Fällen gegenseitig der Energie. So können keine fruchtbaren, bereichernden Interaktionen entstehen. Die Menschen versuchen, das Level ihrer Flüssigkeit anzuheben, indem sie sich von Personen umgeben, deren Level höher ist. Oder aber sie suchen Gleichgesinnte und gemeinsam schaffen sie es, das Niveau sogar noch zu senken.

Nur dann, wenn ein Mensch eine volle Flasche besitzt, kann er mit anderen Menschen in Interaktion treten, ohne Erwartungen und Wunschvorstellungen. Das Pärchen schien einfach glücklich – weil beide volle Flaschen besaßen. Sie genossen die Gesellschaft der anderen Person, ohne Bedingungen zu stellen oder Erwartungen zu hegen. Was möchte ich euch damit sagen? Zum einen ist es für das Level eurer Lebensqualität von großer Bedeutung, wie lange ihr euch in die Gesellschaft bestimmter Menschen begebt. Zum anderen ist es für inspirierende und kraftvolle Begegnungen ungeheuer wichtig, dass euer Flüssigkeitspegel so hoch ist, dass die gesamte Flasche damit gefüllt ist.

Erst dann, wenn die Flasche voll ist, könnt ihr anderen Menschen mit Zufriedenheit und Freude gegenübertreten. Andere Menschen sind nicht zuständig dafür, eure Flaschen zu füllen. Sie können es kurzfristig schaffen, wie ihr gesehen habt. Aber niemand wird es schaffen können, eure Flasche auf Dauer bis auf das Maximum zu füllen. Es liegt an euch, euch immer wieder zurückzuziehen und genau die Dinge zu tun, die eure Flaschen bis zum Anschlag füllen. Auch das Pärchen, welches in diesem Moment so glücklich erschien, wird sich regelmäßig zurückziehen müssen, um zur Ruhe und zur inneren Einkehr zu finden. Nur auf diese Weise können sie sich gegenseitig immer wieder inspirieren und begeistern.“

Der Lehrer drehte sich nach diesen Sätzen um und verließ das Klassenzimmer, um seine Mittagspause anzutreten. Die Schüler jedoch blieben noch eine Weile auf ihren Plätzen sitzen und dachten über diese besondere Unterrichtsstunde nach.

Hat dir diese Geschichte gefallen? Wenn ja, dann lass mich wissen, was du für Schlüsse für dich daraus ziehst. Freue mich darauf, mit dir in Interaktion zu treten! 

 

Bildquellen

Foto von NeONBRAND, auf unsplash.com

Foto von Guilherme Stecanella, auf unsplash.com

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