Der menschliche Kühlschrank

By Beriwan

Antonio saß an einem verregneten Abend im Bus auf dem Weg zu seiner Wohnung. Dicke Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben, während er seine Stirn an sie drückte. Nachdenklich blickte er auf die Straße und beobachtete, wie sich die Regentropfen in die Pfützen ergossen.

„Wie sonderbar ist die Zeit“, dachte er sich. Manche Tage, Monate und Jahre waren so schnell vergangen, ohne dass er bewusst in sie hineingelebt hatte. Und manche Momente wiederum waren derart intensiv, dass sie ihm vorkamen wie ein ganzes Leben.

Die letzten Monate waren ungeheuerlich schwierig für ihn. Alles begann mit der Diagnose, die der Arzt ihm mitteilte. Sie riss ihm den Boden unter den Füßen weg und stellte seine Welt auf den Kopf. Sein Weltbild, seine mühsam aufgestellten Glaubenssätze und sein sicherer und gemütlicher Alltag verfielen zu Asche. Zurück blieb er – mit zurückeroberter Gesundheit und den Ruinen seines Lebens.

Ins Rollen gebracht durch seine Diagnose, hatte Antonio angefangen, sein Leben neu zu sortieren. Er machte jetzt mehr Sport, meditierte und widmete sich immer mehr seiner Kreativität.
Glückseligkeit und pure Freude suchten ihn nun öfter heim. Er hatte das Gefühl, all die bisherigen Lebensjahre in einem tiefen Winterschlaf verbracht zu haben. Er spürte zum ersten Mal in seinem Leben seine Lebensgeister toben. Seine Euphorie war unzähmbar und es schien ihm, als hätte er die Energie eines wilden Kleinkindes. 
Und doch – etwas fehlte. Seitdem er sein Leben derart umgekrempelt hatte, wurde er das Gefühl nicht los, dass seine Freunde und Bekannte ihn nicht verstanden. Er konnte mit ihnen nicht die Themen ansprechen, die ihn begeisterten oder die Dinge ausleben, die ihm nun ungeheuerlich wichtig waren. Sie waren einfach nicht mehr auf einer Wellenlänge. Er wollte gerne neue Menschen in seinem Leben haben. Menschen, die so waren wie er. Die mehr wollten vom Leben. Personen, die Leidenschaft und Entwicklung bejahten anstatt sich an Sicherheit und Gemütlichkeit zu klammern. 
Aber wo konnte er nur solche Leute finden? 
In seinen Gedanken vertieft, stieg er aus dem Bus aus und ging zum Supermarkt, um einige Lebensmittel für das Abendessen zu kaufen. Seit einiger Zeit hatte er sogar seine Ernährung komplett umgestellt.

Voll beladen mit frischen Lebensmitteln stieß er die Wohnungstür auf und ging zum Kühlschrank hinüber, um die neugekauften Lebensmittel darin zu verstauen. 
Er machte den Kühlschrank auf und seine Schultern sanken. Darin befanden sich derart viele Lebensmittel, dass es absolut keinen Platz für Neue gab. Er wusste weder, was sich in den Untiefen des Kühlschranks befand, noch konnte er sich erinnern, wann er die Lebensmittel gekauft hatte. Er wusste nur, dass er seit seiner Ernährungsumstellung die Lebensmittel in seinem Kühlschrank nicht mehr angefasst hatte und es auch nicht in Zukunft tun wollte. Sie passten einfach nicht mehr so richtig zu ihm.

Er nahm die frisch gekaufte Milch und versuchte die Packung in den Kühlschrank zu schieben. Dabei fielen mehrere Gläser mit Marmelade und eingelegten Gurken heraus und zerbrachen auf dem Küchenboden. Antonio sank auf die Knie und starrte die Scherben mit weit aufgerissenen Augen an.

Wieso war ihm dieser Gedanke nicht schon früher gekommen? Mit seinem sozialen Leben verhielt es sich im Grunde wie mit seinem vollgestopften Kühlschrank: Er hatte seine Ernährung umgestellt und die sich weiterhin in seinem Kühlschrank befindlichen Lebensmittel passten nicht mehr zu seinem neuen Lifestyle. Die neu eingekauften Lebensmittel konnten nicht in den Kühlschrank passen, da noch die Alten darin verstaut waren. Wie sollte er also Platz für Neues schaffen, wenn das Alte noch den gesamtverfügbaren Platz einnahm?

Im Grunde verhielt es sich mit seinem sozialen Leben genauso. Er hatte sich um 180° gedreht und war nicht mehr der Alte. Seine bisherigen Freunde passten nicht mehr zu ihm und er sehnte sich schmerzhaft nach Menschen, die mehr waren wie er. Wie konnten jedoch neue Menschen in sein Leben treten, wenn der menschliche Kühlschrank immer noch bis zum Rand gefüllt war? Wo sollten sie Platz finden, um zu bleiben? Und wie sollte er ihnen die Aufmerksamkeit schenken, die sie brauchten, wenn sein gesamter Fokus auf dem noch überfüllten menschlichen Kühlschrank lag?

Antonio lächelte. Er spürte instinktiv, dass dies eine derart starke Erkenntnis war, die ihn zur Handlung bewegte. Nachdem er die Scherben entfernt hatte, sortierte er seinen Kühlschrank ordentlich aus. Und während er dies tat, traf er innerlich einen Entschluss:  Ich lasse los von all den Menschen, die mich an meiner Entwicklung und dem Erreichen meiner Visionen behindern. Ich öffne mich für die neuen Begegnungen mit all den Menschen, die für meinen persönlichen Lebensweg von Bedeutung sind.

Bildquelle

Foto von Brooke Cagle, auf unsplash.com

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